Ein ungewöhnliches Paar
Das Verhältnis zwischen Figur und Zuhörer*in

Ein ungewöhnliches Paar
Das Verhältnis zwischen Figur und Zuhörer*in

Ein ungewöhnliches Paar
Das Verhältnis zwischen Figur und Zuhörer*in
150 150 Sophie Burger

Eine stille Massenchoreographie durch Kassel, eine fiktive Figur mit realem Avatar und eine Reise, die jeder Leser bei seiner Lektüre macht – in diesem Beitrag untersuchen wir, warum Figur und Zuhörer zueinander streben, aber nie ganz zusammenkommen.

Ein realer Avatar

Um den Spannungsbogen deiner Geschichte zu entwickeln, fangen wir nicht wie üblich bei der Hauptfigur, sondern beim Zuhörer deiner Geschichte an. Stell ihn dir zur Veranschaulichung als Avatar für deine Figur vor. Mittels dieses Avatars kann deine Figur die reale Welt erkunden. Denn während sie erstmal nur auf dem Papier existiert, befindet sich der Zuhörer tatsächlich am Ort der Handlung. Mit deinem Audiowalk lässt du Zuhörer*innen eine Geschichte aus einer ganz bestimmten Position und Perspektive erleben. Außerdem legst du fest, wie sie sich durch diese Geschichte hindurch bewegen werden. 

Dabei stehen sie ständig mit ihrer Umgebung im Austausch. Sie sind darin verortet, geben ihr ein Vorne und hinten, Rechts und Links, ein Oben und Unten. Die selbe Umgebung ist gleichzeitig der Handlungsort deiner Geschichte. Das kannst du auf verschiedene Arten nutzen, um die Zuhörer*innen in die Geschichte zu involvieren. Du führst sie an den Ort des Geschehens und lässt sie dort an den Gedanken und Taten deiner Protagonisten  teilhaben.

Zuhörer und Figur spielen ein Spiel miteinander 

Trotzdem bleiben deine Zuhörer*innen selbständig denkende und handelnde Menschen. Sie können die Gedanken und Handlungen deiner Figur nachvollziehen, ohne sie unbedingt zu teilen. Je nachdem, welche Perspektive deine Figur einnimmt, kann es sogar eine große Diskrepanz zwischen ihren Gedanken und denen deiner Zuhörer*innen geben. 

Das Verhältnis zwischen Zuhörer und Figur verändert sich im Laufe des Spaziergangs, wenn deine Zuhörer die Figur nach und nach kennenlernen. Eine Figur kann Sympathie gewinnen oder verlieren. Sie kann Erwartungen erfüllen oder enttäuschen. Sie kann ihre Identität wechseln. Vielleicht stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass deine Erzählerin unzuverlässig ist, deine Zuhörer belügt oder manipuliert. Oder dass Figuren andere Ziele verfolgen, als behauptet. 

Warum schreibe ich einerseits, dass der Zuhörer zur Hauptfigur wird und beharre andererseits darauf, beide getrennt voneinander zu denken? Figur und Zuhörer spielen bei Storydive ein Spiel miteinander, das du erfindest. Du bist der Strippenzieher, die Regisseurin, das Mastermind hinter der Begegnung zwischen deinen Zuhörer*innen und deiner Geschichte.

Die implizite Vereinbarung eines Audiowalks ist, dass der Zuhörer der Handlung und den Anweisungen des Audiowalks folgt. Tut er es nicht, kann er die Geschichte nicht erleben. Das gibt der Figur (oder dem Erzähler) einerseits einen Vertrauensvorschuss. Andererseits sorgt diese Vereinbarung aber auch für ein gewisses Misstrauen. Egal in welchem Genre du schreibst: jeder Audiowalk ist auch eine Art Rätsel. Der Zuhörer muss herausfinden, welche Rolle er selbst eigentlich spielt. Und das kann er nur, wenn er sich darauf einlässt.

Umdeutung des Alltäglichen

Audiowalks eröffnen eine neue Realitätsebene auf etwas, das die meisten Zuhörer schon zu kennen meinen. Mich fasziniert dabei am meisten, dass du allein durch eine Erzählung die Umgebung so umdeuten kannst, dass sie zu einer ganz anderen Welt wird. In dieser Welt entdecken deine Zuhörer*innen nicht nur ihre Alltagsumgebung neu, sondern auch sich selbst.  

Unseren ersten Audiowalk per App haben wir im Sommer 2017 zur documenta14 in Kassel umgesetzt. Die Geschichte heißt Deutung3.0 und stellt die Zuhörerin ständig vor die Frage, in welcher Beziehung sie zu ihrem rätselhaften Guide Simon Deuter steht. Der gibt sich erst als Ausstellungsführer und Kurator, später als documenta-Künstler und dann als Kunstspekulant aus. Oder ist er doch nur ein von der documenta abgelehnter Künstler auf Rachefeldzug? Spannend daran ist, dass jede Selbstbezeichnung Simon Deuters gleichzeitig die Rolle der Zuhörerin neu definiert. 

Hier macht Deuter die Rolle der Hörenden explizit zum Thema:

Ausschnitt aus „Deutung 3.0“ (Sprecher: Jakob Schwerdtfeger) © Storyvibe 2017

Der einzelne Zuhörer spielt für Deuter vielleicht gar keine große Rolle. Aber wer denkt bei einem Audiowalk schon daran, dass er nicht der Einzige ist, der sich auf diese Erfahrung einlässt? Ich mag Vorstellung einer Choreographie durch die Stadt, wie Deuter sie hier inszeniert. Zwar schreiben die Teilnehmenden keine Buchstaben wie Peter Stillman in Paul Austers “Stadt aus Glas” und malen auch keine Figuren wie manch ein Jogger mit seiner Fitness-App.

Dafür bewegen sich immer wieder Menschen auf derselben Route durch Kassel, und reagieren auf ihre Umgebung. Es mag übertrieben scheinen, wenn Deuter schließlich erklärt, dass der gewählte Weg und die an verschiedensten Stationen erzeugten Emotionen Einfluss auf den Kunstmarkt nehmen sollen, aber dennoch fühlt sich der Zuhörer als unwissender Mitläufer eines größeren Plans. Deuter erzählt ihm zum Beispiel eine anrührende Geschichte über ein Kunstwerk, nur um später zu enthüllen, dass diese Emotionalisierung der Wertsteigerung seiner eigenen Sammlung dient. Beim nächsten Kunstwerk wird sich der Zuhörer zweimal überlegen, ob er den Aufforderungen Deuters unbedacht folgt.

Deutung 3.0 nimmt immer wieder Wendungen, um die Zuhörer neu mit der eigenen Position zu konfrontieren. Die kunstvolle Umdeutung des jeweiligen Kontextes nennt Deuter selbst stolz “virtuellen Vandalismus”, weil er der Documenta durch seinen provokanten Audiokommentar immer wieder die Deutungshoheit entzieht. Beim Ausprobieren, was möglich ist, haben wir es vielleicht ein bisschen weit getrieben. Anders gesagt: du hast hier viele Möglichkeiten, brauchst aber nicht alle auf einmal auszuschöpfen. 

Frag dich stattdessen, welche einfache Entwicklung deine Figur, und welche deine Zuhörer durchmachen soll. Versuch Zuhörer und Figur dabei immer getrennt zu denken, auch wenn dein Ziel ist, dass sich deine Zuhörer*innen in die Figur hineinversetzen. Fang vielleicht sogar mit dem Ende der Geschichte an und frag dich, welche Überraschung dort auf deine Figur beziehungsweise die Zuhörerin wartet.

Die Leserreise

Helfen kann dir dabei die Vorstellung, dass du Figur und Zuhörer*innen auf zwei unterschiedliche Reisen schickst. Vermutlich hast du den Begriff Heldenreise schonmal gehört. Mit der Heldenreise kannst du die Dramaturgie einer Geschichte über die Entwicklung der Hauptfigur aufbauen. Sie orientiert sich an verschiedenen Etappen, die du an Filmen wie “Star Wars” oder “Der Herr der Ringe” recht gut nachvollziehen kannst. Im Grunde macht sie sichtbar, wie jemand zum Helden oder zur Heldin wird. 

Analog dazu kann man im Hinblick auf die Lektüre von Texten auch von einer “Leserreise” sprechen. Die Leserreise ist die emotionale Entwicklung, die der Leser oder die Leserin während der Lektüre macht. 

An der Idee der Leserreise gefällt mir, dass sie die Zuhörer*innen schon während des Schreibens stärker in den Fokus rückt. Probier mal die folgende Übung: denk an einen Roman, den du vor kurzem gelesen oder einen Spielfilm, den du gesehen hast. Überleg dir, wie du auf verschiedene Ereignisse reagiert hast. Wo warst du neugierig, wo überrascht? Hat dich ein bestimmter Moment traurig gestimmt? Wann hattest du Hoffnung, dass doch noch alles gut ausgeht? Wann war es so spannend, dass du das Buch nicht aus der Hand legen konntest? Wann warst du erleichtert, weil die Protagonistin eine gute Entscheidung getroffen hat? Und wann hast du dich bestätigt gefühlt und gedacht: “hab ich doch gleich gewusst, dass man dem nicht trauen kann!”? 

Vielleicht war das Buch richtig gut und du denkst jetzt: stimmt, eigentlich habe ich da sehr viele verschiedene Emotionen gehabt. Vielleicht hat es dich aber auch gar nicht gepackt? Dann hattest du diese Emotionen vermutlich nicht. Behalte daher beim Schreiben immer auch deine Zuhörer*innen im Blick: wie kannst du ihre Leserreise möglichst interessant gestalten?

Wichtig dabei ist, dass du daran denkst, dass Figur und Zuhörer nicht nur nicht gleich denken, sondern auch nicht gleich fühlen. Wenn deine Figur zum Beispiel offenen Auges in ihr Unglück läuft, kannst du das deinem Zuhörer durchaus zu verstehen geben. Aus der Spannung zwischen Figuren- und Zuhörerwahrnehmung entstehen viel interessantere Situationen, als wenn Figur und Zuhörer immer auf dem selben Wissens- und Entwicklungsstand sind. 

Umgebung und Emotionen koppeln

Die meisten Nutzer*innen der Storydive-App sind davon fasziniert, ihre Stadt aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Spencer Lux, der Privatdetektiv aus Money Talks, hat zum Beispiel eine sehr spezielle Haltung zur Stadt Frankfurt und ihren Bewohner*innen. Überleg dir, mit welchem Blick deine Figur auf ihre Umgebung schaut. 

Der Blick auf die Umgebung hat auch viel mit der Stimmung, der Einstellung und den Gefühlen deiner Figur zu tun. Was hat sie hier früher schon erlebt? An was erinnert sie der Ort? Welche Einstellung hat sie zu den Menschen um sich herum?

Während deiner Ortserkundung hast du dir schon Gedanken dazu gemacht, wie welcher Ort auf dich wirkt. Jetzt kommt der nächste Schritt: die Stimmung des Ortes sollte zur Stimmung deiner Figur passen. Damit meine ich nicht, dass sie sich eins zu eins entsprechen müssen. Der grimmige Blick eines Spencer Lux hat selbst aus dem beschaulichen Marburg ein abscheuliches Moloch gemacht. 

Die Umgebung kann den Gefühlen der Figur auch entgegenstehen. Sie kann sich zum Beispiel einsam fühlen, während sie andere Menschen dabei beobachtet, wie selbstverständlich sie miteinander umgehen. Solange du einen überzeugenden Bezug herstellst zwischen Umgebung und Figur ist alles wunderbar. 

Notier dir die verschiedenen Emotionen, die zum einen deine Figur und zum anderen deine Zuhörer*innen im Verlauf der Geschichte erleben sollen. Geh dazu deine Route in Gedanken nochmal durch und notiere dir die Entwicklung der Emotionen bei Figur und Zuhörer. 

Wenn du schon ein Grundgerüst für dein Skript hast, kannst du dir unter dem jeweiligen Auslösepunkt noch die Emotionen notieren. Also zum Beispiel: 01 Marktplatz 2 Minuten 40 Sekunden. Figur: gelangweilt, Zuhörer: neugierig. 02 Schlossplatz 3 Minuten 15 Sekunden. Figur: erschrocken, Zuhörer: überrascht.