Die FAQ-Methode
Wie du dir eine Figuren-Brille zulegst

Die FAQ-Methode
Wie du dir eine Figuren-Brille zulegst

Die FAQ-Methode
Wie du dir eine Figuren-Brille zulegst
150 150 Sophie Burger

Die FAQ-Methode hilft dir dabei, deine Geschichte unterwegs zu entwickeln. Du kannst sie nutzen, wenn du schon eine Idee für eine Route hast, aber noch nicht so richtig weißt, was dort passieren soll. 

Ideenfindung unterwegs

Nehmen wir mal an, du möchtest einen eigenen Audiowalk schreiben. Du hast auch schon ein Stadtviertel im Kopf (zum Beispiel deins) und möchtest jetzt die Gegend erkunden, um eine Route zu finden. Um was es in deiner Geschichte gehen könnte, weißt du noch nicht. Aber unterwegs fällt dir bestimmt was ein, oder?  

Gut möglich, aber vielleicht brauchst du vorab ein paar Anhaltspunkte? Dann ist die FAQ-Methode vielleicht das Richtige für dich. 

Ich ziehe gern einfach los und lasse mich von der Umgebung inspirieren. Wenn ich auf Geschichtenfang gehe, ziehe ich mir sozusagen meine Storydive Taucherbrille auf, wechsle die Perspektive und finde auf einmal Dinge interessant, über die ich auf dem Weg zum Einkaufen nur gähnen kann. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich auf der Suche nach einer Geschichte für den Campus der Hochschule der Medien in Stuttgart in Verzückung über einen Sandkasten geraten bin. Jawohl, ein Sandkasten.

Ach was, Sandkasten – eine Sandbox! Schon war die Idee für einen IT-Spionage-Thriller geboren, bei dem brisante Daten aus einer Entwicklungsumgebung gestohlen werden. Umgesetzt haben wir die Idee in der Miniserie “Ins Netz gegangen”. Darin erhält die Hauptfigur Christine, in deren Fußstapfen die Zuhörer*innen treten, einen versteckten Hinweis von ihrer Freundin Cora. Cora ist Gründerin des Startups AI4Vision und verschwindet von einer Minute auf die andere spurlos.

Auf ihrer Suche nach Cora stößt Christine auf den Begriff Sandbox, deutet ihn aber nicht richtig. Um die Daten zu finden, die Cora kurz vor ihrem Verschwinden am Telefon erwähnt hat, durchsucht sie den Sandkasten vor Coras Wohnung nach einem USB-Stick. Natürlich vergebens, denn gemeint war eine virtuelle Sandbox. Was Christine ebenfalls nicht weiß: bei allem, was sie tut, beobachtet sie eine weitere Figur, genannt “die Spinne”. Die Spinne wiederum zieht ihre eigenen Schlüsse, als sie Christine im Sand wühlen sieht – und schon kommen die Ereignisse ins Rollen. 

Aber so etwas passiert nicht immer. Die doppelte Bedeutung von “Sandbox” fällt nur jemandem auf, der die Perspektive einer Entwicklerin einnimmt und ergibt auch nur aus der Perspektive dieser Figur Sinn. Genau das bildet bei “Ins Netz gegangen” ja die Grundlage des Missverständnisses mit allen Konsequenzen. Deshalb hilft es, sich nicht einfach nur die Storydive Taucherbrille aufzuziehen, sondern deine Umgebung aus der Perspektive einer ganz bestimmten Figur zu erkunden.

Eine Herangehensweise, die du dabei nutzen kannst, nennen wir die FAQ-Methode. FAQ steht für die wichtigsten Fragen, die du dir stellen musst, bevor du anfängst, deine Geschichte zu plotten. Nämlich F für Figur, A für Ambiente und Q für Quest. 

Wir haben sie schon oft in Workshops genutzt, bei denen Teilnehmende innerhalb weniger Stunden eine eigene Geschichte schreiben und produzieren. Dabei bieten wir verschiedene Grundszenarien an, mit dem Ziel, dass die Teilnehmer*innen bei der Ortserkundung bereits wissen, aus Sicht welcher Figur sie schreiben. 

F wie Figur

Auf den F-Zetteln haben wir mögliche Figuren notiert, zum Beispiel:

Außerirdischer, Stadtplanerin, Vampir, jemand ohne Gedächtnis, Diebin, Single, Briefträger, Taubenzüchterin, Poetry-Slammer, Agentin, Zeitreisender, jemand, der/die frisch verliebt ist.

Im Workshop zieht jede*r eine Figur oder sucht sie sich bewusst aus. Wenn du die Methode zuhause anwendest, kannst du erstmal so viele verschiedene Figuren wie möglich aufschreiben. Denk dabei zum Beispiel an Filme, die du zuletzt gesehen, oder Bücher, die du gelesen hast. Wer könnte eine interessante Perspektive auf die Stadt haben? In wen kannst du dich soweit hineinversetzen, dass sich dein Blick auf die Stadt tatsächlich verändert? 

Für mich sind phantastische Figuren dabei oft besonders ansprechend, weil ich ihnen bestimmte Fähigkeiten oder Schwächen zuschreiben kann, die bestimmen, wie sie sich durch die Stadt bewegen. Denk zum Beispiel an einen Vampir, der Licht und spiegelnde Schaufensterscheiben meidet. Oder an einen Zeitreisenden aus der Zukunft, der über alles mögliche staunen kann. Die Figur könnte auch aus deinem eigenen Fachgebiet kommen. Mir als Filmwissenschaftlerin hat es zum Beispiel großen Spaß gemacht, eine Geschichte aus Sicht einer Filmfigur zu schreiben, die zufällig in der realen Welt gelandet ist. 

Wenn du schon eine Route hast, kannst du versuchen, als Nächstes folgende Fragen für dich zu beantworten: warum ist die Figur an diesem Ort unterwegs? Was möchte sie erreichen? 

Q wie Quest

Zurück zum Workshop. Wer noch nicht so richtig weiß, was eine Figur entlang der Route zu suchen hat, kann einen weiteren Zettel ziehen. Meist lassen wir Q (den Quest) noch vor A (Ambiente) ziehen, da Figur und Quest zusammen die wichtigsten Plotelemente sind. Der Quest ist die Aufgabe, die deine Figur auf ihrem Weg durch die Stadt motiviert. Das kann zum Beispiel sein, dass sie etwas sucht, vor jemandem flüchtet, einer Sache auf die Spur kommt oder etwas plant. Schreib dir auch hier alles auf, was dir einfällt. 

Durch die Kombination von Figur und Quest ergeben sich unterschiedliche Szenarien. Naheliegend ist zum Beispiel, dass der Privatdetektiv gegen jemanden ermittelt, die Briefträgerin einen wichtigen Brief zustellen muss oder die Person, die ihr Gedächtnis verloren hat, herausfinden möchte, wer sie ist. Schreib dir zu jedem deiner Figuren einen Quest auf. Statt jetzt aber die Figur mit der naheliegenden Aufgabe zu betrauen, mischst du die Quest-Zettel und ziehst einen. Schon hast du andere Kombinationen, die vielleicht eher deine Phantasie anregen. Zum Beispiel:

Der versoffene Privatdetektiv hat geheime Dokumente bei sich und darf nicht erkannt werden, muss aber an seiner Stammkneipe vorbei.

Die Briefträgerin hat verbotenerweise einen Brief geöffnet und weiß jetzt als einzige von einer Katastrophe, die eine Massenpanik auslösen würde. 

Die Person, die ihr Gedächtnis verloren hat, kann durch Wände hören und kommt einer Verschwörung auf die Spur, kennt jedoch ihr eigene Rolle darin nicht.

A wie Ambiente

Auf dem Ambiente-Zettel steht, in welchem Verhältnis deine Figur zu ihrer Umgebung steht und wie sie sie wahrnimmt. Zum Beispiel, ob ihr die Gegend vertraut ist, oder nicht. Ob sie den Ort vielleicht sogar zu gut kennt, wie der Privatdetektiv. Ob sie dort selbst die Regeln macht, oder andere. Ist es eine utopische Welt? Eine dystopische? Eine Welt, die sich von unserer zum Beispiel darin unterscheidet, dass man Menschen und Roboter nicht mehr auseinanderhalten kann, so wie in “Blade Runner”? Oder eine, in der das Single-Dasein verboten ist wie in “The Lobster”? Für das Ambiente brauchst du nicht unbedingt eigene Zettel, oft reicht es, dir zu deinem Szenario aus Figur und Quest ein Ambiente vorzustellen, das die Situation zusätzlich erschwert. 

Wer möchte, zieht vor dem Losgehen noch zwei bis drei Zettel aus einer weiteren Kategorie. Hier stehen alltägliche Dinge drauf, denen wir jeden Tag  im öffentlichen Raum begegnen, zum Beispiel: Mülleimer, Laternenpfahl, Ampel, Hausnummer, Dach, Baum, Treppe, Pflasterstein, Stromkasten und Hausecke. Die Sammlung kannst du beliebig ergänzen.

Bevor du dich auf den Weg machst, überlegst du dir dann, welche Bedeutung diese alltäglichen Dinge für deine Figur haben könnten. Die meisten der hier genannten Gegenstände wirst du entlang jeder Route finden, meist sogar mehrmals. Das hilft dir auch, Abstand von “großen” Schauplätzen zu nehmen, und dich auf Umgebungsdetails zu konzentrieren.

Bei unserem Audiowalk LUCAS’ Kopfkino haben wir zum Beispiel entdeckt, dass an jeder der vier Ecken eines Häuserblocks, den die Hauptfigur Lucas umrundet, eine Litfaßsäule steht. Da Lucas als Filmfigur gewohnt ist, dass Dinge, die wiederholt in den Fokus geraten, eine besondere Bedeutung haben müssen, leitet er mit der Zeit daran ab, dass Litfaßsäulen ihm dabei helfen, seinen Weg zu finden. Immer, wenn er eine Litfaßsäule sieht, biegt er nach rechts um die Ecke.

Diese Art der Orientierung war für die Kinder, die am Walk teilgenommen haben, leicht zu merken und anzuwenden. Sie entspringt allein der Perspektive der Figur auf ihre Umgebung. 

#BlickeAufDieStadt

Ich hoffe, du konntest schon ein paar Ideen für dein eigenes FAQ mitnehmen. Schau dich die nächsten Tage mal aufmerksam um, wenn du auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen und so weiter bist. Probiere mit verschiedenen Figuren herum, schlüpf mal in die Rolle des Zeitreisenden, mal in die des Aliens und überlege dir, über welche Dinge du dich wundern oder welche Sache du vielleicht sogar komplett anders deuten würdest.

Oder welche du als nützlich betrachten würdest. Sagen wir mal, das Alien musste mitten in Braunschweig notlanden, weil sein Raumschiff kaputt ist. Jetzt ist es auf der Suche nach Ersatzteilen. Wo könnte es fündig werden?

Du kannst dabei natürlich auch näher an der Realität bleiben. Wie sieht eine Physikerin die Stadt? Wie ein Zoodirektor? Je nachdem, mit welcher Art von Geschichte du dich wohl fühlst. Probiers mal aus!

Vielleicht hast du ja Lust, deine Beobachtungen zu teilen. Wir nutzen dafür den Hashtag #BlickeAufDieStadt bei Twitter oder Instagram.

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